Manfred

Achtsamer Mann – glücklicher Mann?

Von Manfred

 

„Ich dachte immer, wenn ich den nächsten Gipfel erklimme,  wenn ich das nächste Diplom geschafft hab oder meinen Doktor mache, dass dann irgendwann“, so erzählt Kai Romhardt seinen Werdegang, „der Himmel aufgeht, ein Chor erscheint und mir gratuliert, dass ich es geschafft habe. Ich hab gemerkt, dass diese Belohnung, die ich mir da erträumt hab, dass sich die nicht einstellt.“

An die vierzig Männer haben sich im Saal eines Klosters in der Wiener Innenstadt versammelt, Österreicher, Deutsche, Ungarn, Junge, Alte. Romhardt ist buddhistischer Lehrer, Trainer, Buchautor. Er leitet den Workshop „Achtsamer Mann – Glücklicher Mann?“ und blickt zurück: Bis dreißig beruflich ein Überflieger („Ich war ziemlich schnell unterwegs“), dann Krise, Rückzug, Neubeginn. Was will ich denn wirklich? Der achtsame Blick auf sich und das Umfeld werden wichtig.

„Kennt jemand ALI?“

Von draußen dringt Glockengeläut durch dicke Mauern, drinnen rahmt schweres Eichenholz Wände und Fenster. Es ist ein Sonntag, August 2019. Fetzen vertrauten katholischen Messgesangs sind zu hören. Kai Romhardt formt die eintreffenden Männer zum Kreis. „Kennt jemand ALI?“, fragt er und blickt rechts und links in die Runde.

Ein paar nicken. „A steht für atmen, L für lächeln und I für innehalten. Das werden wir heute immer wieder üben.“ Kleine Gruppen, große Gruppe, Arbeit zu zweit, Vortrag – was immer das Programm bereithält, nach kurzen Abständen nimmt Romhardt  seine Glocke, läutet und unterbricht damit den Fluss. Atmen, lächeln, innehalten.

In der Einladung zu dem Workshop heißt es: „Was kann die mehr als 2.500 Jahre alte Tradition der Entwicklung und Schulung unserer Achtsamkeit für uns Männer heute bewirken? Im Beruf, in der Sinnfindung, bei Problemen, in Beziehungen?“

Männer sind es im Beruf gewöhnt, zügig Listen abzuarbeiten. Hier in diesem Workshop müssen sie  umschalten, Tempo rausnehmen. „Tut konzentriert und aufmerksam, was eben zu tun ist. Nehmt den Moment bewusst wahr und genießt ihn.“ Wir Männer, sagt Romhardt, neigen dazu, die Pausen mit Arbeit vollzustopfen. Wenn Pause ist, macht wirklich Pause. Wenn ihr euch immer mit der Vergangenheit beschäftigt oder auf ein Ziel in der Zukunft hinarbeitet, dann verliert ihr den Bezug zum Moment.

Slow down your life

Kennt ihr die vier Positionen? Stehen, gehen, liegen, sitzen. Achtsamkeit, so verstehe ich ihn, bedeute, dem Augenblick große Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn man steht, dann bewusst stehen, konzentriert im Moment sein. Beim Gehen nur gehen, beim Liegen wirklich liegen und beim Sitzen aufmerksam sitzen. Slow down your life, so lautet auch der Titel eines seiner Bücher.

Tempo rausnehmen beim Essen: Langsam essen, lange kauen, den Geschmack spüren. Tempo rausnehmen beim Gehen. Nach dem Mittagessen treffen sich etwa 20 Männer im Hof zur Gehmeditation, gehen sehr langsam hinaus in die engen Gassen der Wiener Altstadt. Schritt – Schritt – noch ein Schritt. Ein Trupp schweigender Männer schreitet in Sommerhitze und Slow Motion über den Asphalt. Touristen werfen schräge Blicke von der Seite. Was ist mit denen? Wir überqueren den Ring, gehen in halber Zeitlupe durch den Stadtpark. Rundum Gewusel, Handys, Selfies, Kinder, Hunde. Die äußere, gemessene Bewegung beginnt langsam die innere Unruhe zu besänftigen. Schritt – Schritt – noch ein Schritt. Wir umrunden den goldenen Johann Strauss, queren die Wiese dahinter und kehren zurück in den dunklen Klostersaal.

Langsam aufeinander zugehen

Am Abend nach dem Ende des Workshops zu Hause der Griff ins Regal, Buch aufgeklappt und die unterstrichenen Stellen gesucht: „Dreimal hinsehen, einmal handeln. Junge Leute begreifen das nicht immer. Langsam und fehlerlos ist besser als schnell und zum letzten Mal.“ – „Frieden entstand überall dort, wo man langsam aufeinander zuging.“ – „Er wusste, dass sein Zuhörer alles begriff, wenn er Pausen bekam.“ Das Buch ist von Sten Nadolny, der Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Mein handschriftlicher Eintrag stammt vom 24.12.1988. Den Roman hatte ich damals mit Genuss verschlungen, begriffen aber nicht. Den Vater begraben, die Wohnung renoviert, den Zivildienst begonnen. Zack, zack, zack.

No mud, no lotus

Hier im Workshop erhalten wir gelbe Zettel („Kontemplation für beschäftigte Leute“). Da lese ich: „Möge ich beim Zuhören den inneren Parallelvortrag zum Schweigen bringen.“ Wir sind zu zweit und üben das tiefe Zuhören. In dem Maß, in dem es mir gelingt, die in mir aufspringenden Sätze zu beruhigen, beginnt sich auch das Gesicht meines Gegenübers zu lockern. Seine Scheidung, der Verlust der Kinder und Schmerz brechen hervor. Innerhalb weniger Minuten ist offener Austausch mit einem Fremden möglich. „No mud“, höre ich am anderen Ende des Saales, „no lotus.“

Quelle für das Einstiegszitat: https://www.youtube.com/watch?v=c_1tDmWvG8U